Jimmy Page: Der Gitarrenhexer im Interview

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Jimmy Page: Der Gitarrenhexer im Interview

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Von seinem „Excalibur-Moment“ mit der Gitarre über die Yardbirds bis zur (Neu-)Erfindung des Hardrock mit Led Zeppelin und darüber hinaus gab es im Leben von Jimmy Page gute Zeiten, schlechte Zeiten und alles dazwischen. Wir führten ein sehr persönliches Gespräch mit dem Mann, der die Musik, wie wir sie heute kennen, entscheidend mitgeformt hat.

Dank der unerwarteten Intervention durch eine ausgemusterte Akustikgitarre fand sich James Patrick Page perfekt vorbereitet, als die „Jugendexplosion“ des Rock’n’Roll in den 50ern seine prägenden Jahre so unwiderstehlich infizierte. Indem er die Riffs von Platten nachspielte, entwickelte er sich vom Skiffle über Rockabilly zum Blues, brachte sich das Improvisieren bei und verpasste seinem Handwerk bei The Paramounts und Red E. Lewis And The Redcaps einigen Feinschliff, bevor er in der florierenden Session-Szene der 60er zum heißesten jungen Gitarrenhelden avancierte. Als er dann 1966 bei The Yardbirds einstieg, verließ Jimmy Page die Anonymität des Studios in Richtung Popstar-Ruhm. Zwei Jahre später, nach der endgültigen Auflösung dieser Band, gründete er dann Led Zeppelin, mit denen er im Eiltempo die Welt eroberte. Seit einem halben Jahr befindet sich Jimmy Page, der wohl großartigste und verehrteste Rockgitarrist aller Zeiten, in Isolation. Genau wie wir alle. Doch er war beschäftigt: Er schloss die Arbeit an seiner zweiten Autobiografie „Jimmy Page: The Anthology“ ab, einem wuchtigen Werk von Genesis Publications, das sich auf die „Details hinter den Details“ seines außergewöhnlichen Lebens konzentriert.

Und natürlich hat er wieder Musik gemacht. Der Lockdown „hat mir die Gelegenheit gegeben, mich wieder richtig mit der Gitarre vertraut zu machen“, sagt Page am Telefon. Kein Treffen in
einer Hotelsuite in dieser neuen Normalität, nur 105 Minuten aufschlussreicher Konversation, während der er zugibt, dass er „ein ziemlich gesegnetes Leben“ geführt hat, „ohne Zweifel“, und sich heiser redet. Hier folgt, was er zu sagen hatte.

Das erste Foto in „Anthology“ ist ein Bild von dir als Chorknabe in der St. Barnabas Church in Epsom, vermutlich deine erste Erfahrung mit einem Auftritt vor Publikum. Warst du freiwillig dabei oder hatten dich deine Eltern dazu gedrängt?
Nein, das hatte überhaupt nichts mit meinen Eltern zu tun. Ich ging aus freien Stücken in die Kirche und
trat dem Chor bei, denn ich verspürte selbst den Drang dazu. Ein Grund dafür war, dass in jener Zeit
der Rock’n’Roll im Radio auftauchte, und dann verbannte ihn die BBC und so weiter, also musste man Wege finden, um tatsächlich Musik hören zu können. Wir hatten Glück in Epsom, denn es gab dieses Freibad mit einem Amüsierbereich – Flipper und eine Jukebox. Das war wie eine Pilgerfahrt zu dieser Jukebox, doch die großen Jungs gingen da hin und ich war zu der Zeit noch recht jung. In der Kirche gab es einen Jugendclub mit Tanzabenden, wo sie Platten auflegten, aber um Mitglied des Jugendclubs zu sein, musste man in den Chor eintreten. Aber es machte mir auch tatsächlich Spaß, ein Chorknabe zu sein, im Ernst.

Und du durftest den Chorrock tragen. Das war wohl deine erste Chance, ein Bühnenkostüm anzuziehen.
Absolut, da hast du recht. Du siehst die Verbindung, oder? Sich auftakeln für den Auftritt. (lacht)

Als Kind hast du Hi-Fi-Klang erstmals auf der Stereoanlage deines Nachbarn erlebt. Von Anfang an scheint dich nicht nur die Musik selbst fasziniert zu haben, sondern auch der Prozess, Geräusche einzufangen, weil darin in vielerlei Hinsicht die Magie liegt.
Ja. Bei der Arbeit an dem Buch dachte ich an Schlüsselerlebnisse. Und als ich noch in Feltham lebte [sein Zuhause, bevor er nach Epsom zog], wurden meine Eltern und ich zu jemandem in der Nähe eingeladen, der diese Stereoanlage hatte. Er spielte damals Platten mit Klangeffekten ab, der Klassiker war eine Aufnahme eines Zugs, der von einem Lautsprecher zum anderen fuhr, solche Sachen. Für einen kleinen Jungen war das ziemlich beeindruckend. Ich war wahrscheinlich etwa acht. Er spielte auch Klassik, und da hörte man wirklich die Tiefe. Es gibt keinerlei Zweifel, dass mich das sehr beeinflusst hat. Interessant ist aber, dass niemand in meiner Familie Gitarre spielte. Ich hatte einen Onkel, der im Pub Klavier spielte. Er beherrschte verschiedene Songs, aber er brachte mir nie irgendwas bei. Er wollte nicht lehren, aber als wir dann von Feltham in die Miles Road in Epsom zogen, war da in unserem neuen Haus von den Vorbesitzern eine Gitarre zurückgelassen worden. Das war wie eine wirklich seltsame Intervention, als hätte die Gitarre quasi mich gefunden.

Das ist eine tolle Excalibur-Story.
Ja, nicht wahr? Als ob es bestimmt war, dass ich Musiker werden würde, ob ich das nun wollte oder nicht. Aber ja, ich war fasziniert von dem ganzen Prozess, von Klang umschlossen zu werden und ein Teil davon zu sein. Außerdem hast du in einem Chor diese ganze Atmosphäre, die dazugehört. Komisch, wie ich das schon als Kind bemerkte. Und als ich dann an den Punkt kam, wo man Rock’n’Roll aus Amerika hörte, war das einfach nur eine Jugendexplosion der Musik. Ich habe solches Glück, zu jener Zeit geboren worden zu sein, um diesen Moment zu erleben. Das war wie eine Grenze: Auf der einen Seite ist alles spießig und altmodisch, und dann passiert da plötzlich diese Explosion aus Adrenalin, Musik und Attitüde. Da hörte man all dieses Zeug und es war, als käme es von einem anderen Planeten. Und da stand nun also diese Gitarre im Haus – ungestimmt, niemand hatte sie je gespielt. Ich hatte diesen Schulfreund Rod, der mir ein paar Akkorde zeigte, und das war’s dann. Als ich erst mal den Rock’n’Roll gehört hatte, war ich infiziert davon und wusste, ich würde nie wieder davon geheilt werden. Das wollte ich auch gar nicht.

Als deine „Excalibur“-Gitarre dann ihren Zweck erfüllt hatte, kauften dir deine Eltern deine erste richtige Gitarre, eine Hofner. Sie scheinen deine musikalischen Ambitionen von Anfang an unterstützt zu haben.
Ja, auf jeden Fall. Ich musste immer auch meine Hausaufgaben machen, aber sie konnten sehen, dass ich den gesamten Rest der Zeit von der Gitarre besessen war. Als ich dann anfing, Songs zu spielen, die sie im Radio gehört hatten, sagten sie: „Moment mal, der macht da wirklich Ernst!“ Ich weiß nicht, was mit ihr passierte, aber diese erste Gitarre war nicht sehr leicht zu spielen. Die Saiten waren meilenweit vom Griffbrett entfernt – nicht so weit, dass man sie deswegen nicht hätte spielen wollen, aber meine Eltern sagten: „Wir möchten dir eine bessere Gitarre besorgen“, und einigten sich auf diese Hofner. Mein Vater kombinierte gut: Sein Sohn spielte plötzlich diese Gitarre, die im Haus hinterlassen worden war, Weihnachten stand vor der Tür und mein Geburtstag [Page kam am 8. Januar 1944 auf die Welt] war bald darauf, also war die Hofner ein mehrfaches Geschenk. Und Mann, ich kann dir sagen, ich war wirklich begeistert davon! Doch dann kam der Punkt, wo all die Musik, die ich hörte, auf Solidbody-Gitarren gespielt wurde, also sagte ich: „Ich muss meine Gitarre wechseln“. Ihre Einstellung war: „Das kannst du tun, aber du wirst es bezahlen müssen“. Damals brauchte man bis 21 eine Unterschrift der Eltern, um in Raten zahlen zu können. Also sagte mein Dad: „Ich werde dein Bürge sein, aber du musst bezahlen“. Und das war in Ordnung.

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